Rennt die Zeit ???

11. Januar 2017
Liebe Leserinnen,  Lieber Leser,

habt ihr auch den Eindruck, dass die Zeit mit jedem Jahr schneller läuft? - Das Jahr 2016 war das kürzeste Jahr, dass ich je erlebte, aber die Kalender oder die Uhren zeigen das nicht an.

Ein Nachbar hier aus dem Haus erzählte mir, dass er gar keine Lust mehr dazu hätte, die Oldies anzuhören, also die alten Schlager aus den 1960 Jahren, weil sie sich heute nicht mehr so anhören wie damals, als sie neu waren. Er sagte, die Stimmen klingen zu schrill, und die Rhythmen hätten an Geschwindigkeit zugelegt. Genauso, als ob die Platten zu schnell abgespielt würden. 

Einige Tage später hatte er eine Lösung gefunden, über die er selbst noch sehr erstaunt war. Er erklärte, auf seinem Computer hätte er jetzt ein Audio-Programm, mit dem er in der Lage sei, Audio-Dateien zu  d e h n e n.  Und diese alten Schlager von 1960 oder 1970 müssten allesamt um 8 Prozent gedehnt werden. Dann, so erklärte der Freund, hörten sie sich genauso an, wie sie sich damals anhörten, als er ein junger Mann war.

Ich war fasziniert, als ich das hörte, und lauschte den Beispiel-Schlagern, die der Freund auf diese Weise vorbereitet hatte. 

Kennt Ihr den Song "I can't stand the Rain" von 1977? – Wenn dieser alte Schlager um 8 Prozent gedehnt wird, dann ist die Stimme der Sängerin wieder voll und der Donner zu Beginn hört sich wirklich enorm an – so wie damals. 

Ist das der Beweis, das es einen Unterschied gibt zwischen den alten Zeiten und heute, was die Geschwindigkeit der Zeit angeht?

Aber – Moment Mal – wenn die Klang-Dateien von 1966 oder 1977 gedehnt werden müssen, damit sie sich heute wieder richtig anhören, und nicht irgendwie schrill, dann bedeutet das doch, dass die laufende Zeit als Hintergrund für den Klang verglichen mit 1966 heute langsamer läuft. 

Also, jeder erzählt uns, die Zeit rennt heute so schnell wie noch nie, aber dass könnte auch eine Einbildung sein, denn tatsächlich läuft die Zeit heute langsamer als 1966.

Ist doch klar: Wenn wir von unserem Standpunkt in 2017 durch ein Fenster in das Jahr 1966 schauen könnten, dann sähen wir, die Leute dort auf den Straßen hätten es anscheinend sehr eilig. Die beschleunigten Ton-Dateien von damals zeigen genau DIES. 

Trotzdem rennt heute die Zeit. Und ich habe für meine Arbeit nicht mehr die Menge an Zeit, die ich in längst vergangenen Jahren noch hatte. – Was ist passiert? 

Haben wir uns mit unserem Bewusstsein aus dem Lauf der Zeit heraus bewegt und sind deswegen langsamer, im Hinblick auf Damals und auch Heute? Rennt uns deswegen die Zeit davon? Ist das eine Sache unseres Bewusstseins?

Sind wir tatsächlich aufgestiegen und haben so den Lauf der Zeit hinter uns gelassen?
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Mein Freund dehnte den Song "I can't stand the Rain" von 3min 07sec auf 3min 24sec. Das entspricht genau 9,1%, wenn die Original-Länge als 100% gesehen wird, und 8,3%, wenn der gedehnte Song als 100% angenommen wird. 

Nicht nur Klang-Dateien von damals müssen gedehnt werden, damit sie sich vernünftig anhören. 

Schaut Euch dieses Video hier an:
Rainer Günzler testet den Opel Kadett-B − 1968 !!!

https://youtu.be/5M1Y7gC0vkE

Er spricht schnell, seine Stimme ist hell und hat ihren Klang von damals völlig verloren. 

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Siehe auch:

http://www.gehvoran.com/2017/01/das-phaenomen-der-zeitbeschleunigung/


14. Januar 2017 um 14:48
Hallo Alex,

Vielen Dank für Deinen Artikel!
Was ich an der Sache nicht verstehe ist folgendes:

Wenn ein Song von damals in die Länge gezogen werden muss, damit er sich heute vernünftig anhört, also verlangsamt werden muss, dann bedeutet dass doch, dass unsere heutige Zeit, entgegen unserem Empfinden, l a n g s a m e r läuft als damals.

Wir brauchen heute demnach mehr Zeit, von der, die gemessen wird, um dieselbe bestimmte Menge an Infos verarbeiten zu können.

Wir hatten den Song „I can’t stand the Rain“ von 1977 von 3min 7sec auf 3min 24sec gedehnt, also um 17 Sekunden verlängert, damit er sich wie damals anhört.

Genauso gut könnten wir ihn nochmals um 17 Sekunden d e h n e n. Dass würde sich für uns „zu langsam“ anhören, aber ein Oldies Fan in 2057 wüsste dann, wie sich die Platte 80 Jahre vorher angehört hatte.

Um das zu erreichen, müssten wir also ein stark verlangsamtes Hörstück vorbereiten. Diese mit zusätzlicher Zeitmenge (Original: 3min 7sec plus 34 Sekunden = 3min 41sec) ausgestattete Ton-Datei würde in 2057 richtig klingen. Aber wir müssten sie heute für die Zukunft „verlangsamen.“
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Was ist denn jetzt richtig?
Läuft die Zeit heute schneller oder langsamer als damals?
Ich meine, sie läuft langsamer, aber unser Empfinden, unser Bewusstsein, ist nicht fest an die laufende Zeit gebunden, deswegen spricht nichts dagegen, dass sie uns wegrennt …

Gruß!
Rohan